Siegeszug der Textbörsen?

Dienstag, 3. Juni 2008 - Kategorie: Schreiben

suite101, open:tx oder textbroker: In letzter Zeit sind Textbörsen Portale zur Textvermarktung wie Pilze aus dem Boden geschossen. Auf den ersten Blick funktionieren sie alle gleich - Autoren bieten Texte bzw. Dienste unter einem zentralen Dach an - doch unter der Lupe offenbaren sich zum Teil himmelweite Unterschiede. Trendschau ist auf die Daten-Reise gegangen und hat drei (konkurrierende?) Ansätze aufgespürt.

Photobucketopen:tx - Der Mittler
Das Journalisten-Portal aus Hamburg versteht sich als „Handelsplattform“ für Verwertungsrechte und tritt als reiner Mittler zwischen professionellen Schreibern und Redaktionen auf. Im geschlossenen Bereich können die Redakteure nach Content recherchieren, den die Journalisten einstellen und verwalten. Den Preis für den Content verhandeln beide Parteien ohne Vorgaben direkt untereinander, die Portalbetreiber werden erst nach dem Verkauf mit 5% am Umsatz beteiligt. Dem Geschäftsmodell entsprechend geht es bei dem Portal in den meisten Fällen um eine Zweitverwertung bereits veröffentlichter Beiträge und Reportagen – eine ohnehin gängige Praxis bei Journalisten, um das geringe Zeilenhonorar ein wenig aufzustocken. Der Vorteil dabei liegt schlicht in der Arbeitsersparnis für den Journalisten, der auf etwa 300 (aktive?) Redakteure hoffen und sich das Klinkenputzen vermeidlich sparen kann.

Dass sich die Macher von open:tx mit ihrem Angebot an Profis richten und dabei weder starre Konditionenrahmen setzen, noch Verwertungsrechte für den Content einfordern, mag den Zulauf von über 850 Autoren (Eigenangabe) in dem noch relativ kurzen Leben des Portals (seit Juli 2007) erklären. Das kurze Leben von open:tx war allerdings schon recht bewegt: Die hohen Anfangs-Erwartungen der Gründer (1.500 Autoren nach einem halben Jahr als Ziel) wurden nicht erfüllt, sodass es Anfang 2008 zur Übernahme durch ein neues Team kam. Die „Neuen“ müssen sich zudem im Wettbewerb gegen die newsboerse des etablierten Anbieters com.box durchsetzen, die ihren Schwerpunkt allerdings eher auf die Nachricht und weniger auf die Reportage legt.

Photobucketsuite101 - Das Journal
Der kanadische Anbieter gehört zu den alten Schlachtschiffen auf dem Markt: seit 1996 online, nach einem bewegten Leben inzwischen etabliert und in zahlreichen Ländern präsent. Nach dem Einstieg von Burda (Digital Ventures) startete im letzten Juli (07) ein deutscher Ableger, der heute über 200 Autoren zählt. Die englischsprachige Seite verzeichnet laut Eigenauskunft über 800 Autoren und ca. 7 Mio. Leser monatlich.

Die Angaben sind nicht unwichtig, denn das Geschäftsmodell beruht in erster Linie auf Werbeschaltung, an deren Einnahmen auch die Autoren beteiligt werden. Wer den tausender Kontaktpreis kennt und auch schon mit den Schwierigkeiten der Aufmerksamkeitsökonomie im Netz zu kämpfen hatte, weiß die Verdienstmöglichkeiten entsprechend einzuschätzen. Die genannten 3,50 Dollar pro 1000 Seitenabrufe scheinen da fasst ein bisschen hoch gegriffen, und auch der DJV war von diesem Modell offensichtlich nicht besonders angetan. Die Rechte an den Texten bleiben grundsätzlich beim Autor, allerdings sichert sich suite101 für ein Jahr die exklusiven Online-Nutzungsrechte, vermutlich zum Schutz gegen eine besuchersenkende Netz-Verbreitung.

Wieviel Potential dieses Modell hat, bleibt abzuwarten. Naserümpfende Journalisten sind bei solchen Angeboten immer zu erwarten, ob jedoch durch die „Dumping-Konkurrenz“ auch ein genereller Wertverfall von Content zu befürchten ist, sei dahingestellt. Wer als Schreiber ein zahlendes Medium findet, wird kaum auf suite101 zurückgreifen, der Dienst dürfte also überwiegend Texten zugute kommen, die andernfalls in der Schublade schlummern und dort eben überhaupt kein Honorar produzieren würden. Zudem sorgt – im Gegensatz zu vielen anderen Textportalen – ein Bewerbungsverfahren sowie ein Redaktionsteam für eine gewisse inhaltliche Qualität. Ob die Inhalte dann auch ein Publikum finden, entscheidet letztlich, ganz demokratisch, der Leser, und nicht der Kritiker.

Photobucket textbroker - Der Auftraggeber
Das nicht mehr ganz junge Textbroker-Portal repräsentiert ein drittes Modell: Hier bieten Schreiberlinge nicht ihre Texte, sondern ihre Leistung an, d.h. sie schreiben Texte für Auftraggeber auf Grundlage eines eingestellten Briefings. Ein solches Modell macht grundsätzlich für die PR-Arbeit Sinn, wer allerdings professionell im PR-Bereich textet, weiß, dass namhafte Auftraggeber niemals ein Briefing in ein Portal einstellen würden. Hinzu kommt eine drastische Konditionenpolitik von Seiten der Betreiber: pro Wort verdient der Autor zwischen 0,012 und 0,060 Cent. Legen wir den Standard von 1.500 Anschlägen (durchschnittlich 200-250 Wörter) zu Grunde, so verdient der Autor zwischen 3,- und 15,- Euro pro Seite. Vor diesem Hintergrund überhaupt das Wort „professionell“ auf die Webseite zu stellen, zeugt umgekehrt nicht gerade von Professionalität. Wer textbroker in Google eingibt, landet dementsprechend reihenweise auf SEO-Blogs, in denen sich einige Auftraggeber sogar noch über die Qualität der Texte beschweren. Die Aufregung mancher Kollegen ist für mich trotzdem nicht nachvollziehbar, denn mit Textbroker wird ein Markt neu organisiert, der schon früher nicht zum professionellen Bereich gehörte und wohl auch künftig kaum in diese Sphären aufsteigen wird.


Trotz der Unterschiede
...gibt es eine Gemeinsamkeit: Die Angebote entpersonalisieren und entflechten das Verhältnis von Content-Produzenten und Content-Abnehmern, bzw. sie umgehen im Falle von suite101 komplett die Abnehmerseite und lassen demokratisch den Leser über Wohl und Übel entscheiden. Darin mag eine Chance liegen, vielleicht aber auch eine falsche Annahme über die Rolle von "Meinungsautoritäten" und die Macht persönlicher Bindungen.

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