Web2.0 – von der Spielwiese zum Bürokomplex?
Montag, 16. Juni 2008 - Kategorie: Informieren
Zu Web2.0, User-Generated-Contend oder Bürgerjournalismus werden nicht nur viel zu viele Allgemeinplätze, sondern vor allem auch viel zu viele Anwendungen verbreitet. Täglich neues Twitter-Geschnatter, farbenfrohe Pic-Post-Varianten oder die nächste geklonte Mit-Mach-Community: Die inzestöse Liaison mit der ewig gleichen Zielgruppe dürfte der Web2.0-Gemeinde inzwischen einen blaublütigen Genpool beschert haben. Während bei den Investoren der Rausch entsprechend verflogen ist, wundert sich der Rest der Welt nur wenig über das breite Gähnen von Google-Chef Eric Schmidt zur nebulösen Trend-Schöpfung des Mr. O’Reilly. Remy's Klowand-Metapher zur Blogosphäre mag zwischenzeitlich noch für etwas Amüsement gesorgt haben, doch so langsam türmen sich auch auf den wohlgesonnenen Webstirnen die Sorgenfalten. Die Frage lautet: Wie schützen wir uns in Zukunft vor der omnipräsenten Mitmach-Gemeinde und den Trivial-Attacken aus dem Web2.0?
Die Rache der Experten
Sehr gelegen kam da die Newsweek mit einem (nicht mehr ganz taufrischen) Beitrag, der einen Racheakt der Experten ankündigte und ein Ende der Bürger-Bagatelle im Web prophezeite - wohlgemerkt, auch mithilfe des Web2.0 bzw. 3.0. Ganz so drastisch muss es jedoch gar nicht kommen, denn selbst („Amateur“)-Ansätze wie die User-Generated-Magazins, die zumindest ein hochwertiges und kommerzialisierbares Endergebnis liefern, würden wohl einige Falten auf der Sorgenstirn wieder glätten. Wie sieht aber die Realität aus, gibt es den Trend zum Expertenwissen oder zumindest zum vermarktbaren Output im Web2.0? Muss die Spielwiese möglicherweise bald einem virtuellen Bürokomplex weichen?
Ein Blick auf die Investitionsstrategien heimischer Verlage kann vielleicht Aufschluss liefern, auch wenn die folgende Rundschau alles andere als vollständig ist:
Axel Springer kümmert sich vorwiegend um die Verwebbung seiner Print-Produkte plus diverser Marktbörsen. Über die Beteiligungen an der Amiado AG und Bild-T-Online setzt der Verlag zudem auf diverse Community-Klone im klassischen Web2.0-Sinn – Experts2Web2.0 also Fehlanzeige.
Auch Dumont tummelt sich seit kurzem mit einem Venture-Ableger auf dem Beteiligungsmarkt, setzt mit Angeboten wie docinsider (Mischung aus Katalog, Spick-Mich und Patienten-fragen-Patienten), der Shopping-Plattform Tradoria oder dem jüngsten Engagement bei stream5.tv jedoch ganz auf klassische Mach-Mit-Plattformen mit einer Vorliebe für den Bewegtbildmarkt. Auch der Verlag selbst hält Beteilungen, begnügt sich dabei allerdings mit zwei Anzeigenmärkten (diskret und kalaydo) und typischen Mitmach-Portalen (lizzy und oneview).
Die hannoveraner Madsack-Gruppe setzt zu fast 100% auf die Mitmach-Tour, eine Ausnahme bildet vielleicht die Auktionsbörse jobdoo, bei der Dienstleistungen aller Art angeboten und ersteigert werden können. Mit experts2web hat allerdings auch das nur sehr entfernt etwas zu tun, aber immerhin.
Mit 15talents bietet der Zeit-Verlag zumindest angehenden Experten eine sinnvolle Plattform: Über die Auftragsbörse können Studenten registrierten Unternehmen ihre Leistungen auf bezahlter Basis anbieten und so ein wenig Erfahrung sammeln. Auch das ist ein erster Schritt, aber noch nicht wirklich eine Web2.0-Anwendung für die Eigenvermarktung von gestandenem Experten-Wissen.
Zu den Big Playern auf dem Markt gehören vor allem Burda und Holtzbrinck. Die Beteilungsverhältnisse sind unüberschaubar und hier absolut nicht darstellbar. Einziger für mich ersichtlicher Ansatz bei Burda ist die hier bereits vorgestellte Autorenplattform suite101. Auch wenn man vielleicht nicht alle Autoren als Experten bezeichnen kann, so setzt der Verlag immerhin auf eine web2.0 Plattform, die sich nicht auf die verbreitete „ich häng hier jetzt mal meine Socken auf“–Mentalität konzentriert und vor allem seinen Mitgliedern eine (wenn auch geringe) Verdienstmöglichkeit einräumt. Vielleicht noch erwähnenswert: Schon vor Monaten hat die zu Burda gehörende Tomorrow-Focus-AG ein neuartiges Nachrichtenportal angekündigt. Vielleicht endlich mal eine (Nachrichten-)Plattform für Experten mit ersichtlichem Mehrwert für die Nutzer? Oder wird bald das hundertste Portal auf den Markt geschmissen, in dem mündige Bürger bereits veröffentlichte Nachrichten verlinken dürfen?!
Noch ein schneller Blick zum Holtzbrinck-Verlag, der gleich mit eins, zwei, drei Venture-Unternehmen auf dem Markt ist. Im Portfolio sticht insbesondere businesslive heraus, das sich tatsächlich als echte Expertenplattform für Karriereplanung, Recruiting, Wissensmanagement und Auftragsakquise entpuppt. Ein Selbstversuch steht aus...
Brot für das Web
Die Verlagswelt, die angeblich vor kurzem bei einem Treffen in Hamburg das Ende des Journalismus und des klassischen Verlagswesens in Aussicht gestellt hat (natürlich noch nicht gleich morgen), setzt im Web offensichtlich auf zwei Strategien: die Sicherung des eigenen Expertenstatus durch die Verwebbung ihrer Produkte und der Einstieg in den Web2.0 Mitmach-Trend. Plattformen und Web2.0-Anwendungen, die auch Experten und Professionals eigenständige Entfaltungs- und Kommerzialisierungsmöglichkeiten bieten, sind in den Portfolien äußerst rar. Dass sich jedoch gerade solche Angebote früher oder später durchsetzen werden, hängt mit einer einfachen antiken Weisheit zusammen, die auch für neuzeitliche Imperien Gültigkeit besitzt: Das Volk will nicht nur Spiele, sondern auch Brot.






Trackback URL:
http://trendschau.twoday.net/stories/4996138/modTrackback