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Von Titelhelden und Verlagsdramen

Montag, 6. April 2009 - Kategorie: Publizieren

Während sich die digitale Boheme auf der re:publica in Berlin amüsierte, musste ich in Frankfurt einen mittelschweren Schock verkraften. Auslöser war in diesem Fall weniger die Stadt, als vielmehr ein Fachmagazin namens "Publishing Praxis", das mich mit seinem Cover-Titel "Top-Ideen für Web2Print" energisch anblinkte. Beim Durchblättern dieser "Top-Ideen" blieb ich schließlich bei einem User-Generated-Magazin-Framework hängen, das im Oktober 2008 unter dem schönen Namen "Titelhelden" ins Netz gegangen ist. Der Schock: Urheber des Web-Angebots ist ausgerechnet die Deutsche Post, also ein tendenziell uncooler Großkonzern. Noch schlimmer: Das Webangebot wurde nicht von einer strategischen Web7.0-Marketing-Task-Force entwickelt, sondern basiert auf dem Einfall einer "ganz normalen" Mitarbeiterin. Offenheit und Innovationsfreude, die man einem Großkonzern kaum zusprechen mag. Immerhin, die umsetzende Agentur People Interactive aus Köln entspricht halbwegs dem "Coolness"-Klischee, falls das bei der Bewertung der Sachlage weiterhilft...



Nun zum Angebot: Unter "Titelhelden" kann der User sein eigenes Magazinprojekt anlegen, dafür vorbereitete Layouts nutzen oder eigene erstellen und schließlich sogar kollaborativ arbeiten, also ein Redaktionsteam zusammenstellen. Druck und Distribution übernimmt die deutsche Post und ein Blick auf die Preisliste schaut für Kleinauflagen durchaus akzeptable aus. Die "Magazin-Macher-Plattform" arbeitet frontend auf Flash-Basis und backend mit einer SQL-Datenbank. Einen gute Überblick über das Angebot liefert die Guided Tour auf der Introseite von Titelhelden.

Auch wenn mich das Post-Branding nicht unbedingt anmacht, kommt dieses Konzept dem Vorschlag für ein Blog2Mag-Projekt sehr nahe (hier oder hier). Zwar gehen Umsetzung und Adressatengruppe in eine andere Richtung, als mir vorschwebte. Wichtiger ist jedoch, dass Titelhelden zwei extrem hippe und heißgeliebte Konzepte aus den USA verbindet: Der User-Generated-Mag-Gedanke von 8020Publishing (u.a. JPG) und der Magazin-Print- und -Distributionsservice von Magcloud. Fehlt nur noch das Community- und Marketing-Konzept für PDF-Magazine von Issuu.

Dass nun ausgerechnet die Post diesen Schritt macht, sollte das Urteil erst einmal nicht trüben. Allerdings geht dadurch die Ausrichtung zumindest an meinen Interessen vorbei: "Titelhelden" und die "anlassbezogenen Magazine" sind hauptsächlich für Vereine und Privatleute (Hochzeits- oder Urlaubsmags etc.) angelegt. Eine hierzulande eher typische Ausrichtung, denn Mitmach-Konzepte adressieren fast immer den Amateur-Bereich und streben selten einen vermarktbaren Output an - womöglich ein Tribut an die tendenziell obrigkeitshörige und konservative Wirtschaftskultur des Landes (man vergleiche die Erfolge von BoD-Produkten oder Handy-Romanen in den USA oder Japan).

Dennoch sollten solche Konzepte auch im professionellen Bereich irgendwann Eingang finden: Und zwar als ein neuer Verlagstyp, der nur noch das technische Framework zur Verfügung stellt und die eigentlichen inhaltlichen und verlegerischen Arbeiten von (professionellen) Usergruppen erledigen lässt. Die Blogsphäre, in der noch am ehesten professionelle und originäre Inhalte abseits der etablierten Verlagswelt zu finden sind, sollte hier ein wichtiger Adressat sein. Und die Integration bestehender Web-Inhalte über einen XML-Import in einen solchen Verlags- bzw. Magazin-Framework wäre ebenfalls ein Muss.

Wer bei diesen Gedanken die "Spinner"-Glocke leutet, verkennt die Realitäten in Teilen der Verlagswelt: Es gibt inzwischen einige traditionelle Verlage kleiner und mittlerer Größe, die nach einer Outsourcing-Orgie nur noch dem Verlagsleiter eine Festanstellung zugestehen. Alle Arbeiten bis zur Drucklegung werden hingegen von Externen erledigt. Der Verlag stellt bei diesem Modell weiterhin die Distributionskanäle und - vielleicht das entscheidende Element - die "Marke" zur Verfügung. Zu dieser überlebenswichtigen Leistung gibt es bislang noch kein überzeugendes usergetragenes Modell, wobei ich meine, dass der kürzlich vorgestellte Gründungsvorschlag in die richtige Richtung geht und zumindest Ansätze eines markenbildenden und kundenbindenden Systems aufzeigt.

Also: Technisch und organisatorisch wäre dieser neue Verlagstyp ("Framework-Anbieter") eher ein kleiner Schritt, der große Schritt passiert in den Köpfen der User und Käufer. In nicht allzu ferner Zukunft wird ganz sicher jemand diesen Step wagen, ich hoffe nur, dass es dann nicht die Telekom ist ...
Martin (Gast) - 8. Jul, 11:48

Da muß ich energisch widersprechen - und voll zustimmen

Der Aussage "Eine hierzulande eher typische Ausrichtung, denn Mitmach-Konzepte adressieren fast immer den Amateur-Bereich und streben selten einen vermarktbaren Output an - womöglich ein Tribut an die tendenziell obrigkeitshörige und konservative Wirtschaftskultur des Landes" muß ich engergisch widersprechen. Mit der gogol Publishing Lösung (gogol-medien.de) bieten wir genau so ein Werkzeug an, welches vom Output, anders als Photobuch-Software, auch den professionellen Ansprüchen gerecht wird. So wird beispielsweise die Gießener Zeitung komplett auf der Plattform produziert (Print in Rotation und Online).

Der These hingegen, dass Medienbetriebe zukünftig eher Framework-Anbieter sind, kann ich nur voll zustimmen. Es Medienbetriebe geben die sich damit weniger der Kreation von Inhalten widmen, sondern mehr der Kreation von Services, also Plattformen (Frameworks), die es anderen ermöglichen dort Inhalte zu schaffen, zu ordnen und vermaschbar anzubieten. Es wird also mehr ein kuratieren von inhalten sein, stark unterstützt durch Technologie-Plattformen und starken Marken.

Sebastian (Gast) - 8. Jul, 12:06

... und ich muss mich etwas korrigieren ....

Hallo Martin, Danke für den Kommentar! Auf Gogol-Medien bin ich schon früher gestoßen, das Angebot finde ich ausgesprochen spannend. Vielleicht wäre sogar mal ein Interview interessant, da das System den meisten sicher unbekannt sein dürfte??

Um mich zu korrigieren: Die oben zitierte Aussage hatte ich anders gemeint: Gogol-Medien scheint ein Angebot für Profis bzw. Institutionen (Verlage) mit einem professionellen Output zu sein. Mir ging es jedoch um den "semiprofessionellen" Bereich, wie Teile der Blogosphäre. D.h. Amateure bzw. Halbprofis, die eben kein Photobuch für ihre Freunde, sondern ein kleines und professionelles Magazin für ihre Leserschaft erstellen wollen.

Für die Verknüpfung von Blogsoftware mit automatisierten Satzprogrammen und z.B. einem PDF oder PoD-Buch oder -Magazin als Output könnte ich mir durchaus lohnenswerte Modelle vorstellen. Der letzte Gedanke war ein Netz aus blogbasierten Städteführern mit wahlweise klassischer und personalisierter Print-Ausgabe: http://trendschau.twoday.net/stories/5803766/ . Ev. Überschneidungen mit Myheimat, allerdings im Reiseführerbereich und, wie gesagt, mit wahlweise klassischer Printbuch-Ausgabe, denn rein elektronische Lösungen dürften das Buch erst in vielen Jahren verdrängen.

LG Sebastian/Trendschau

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