Overload - ein Problem und keine Lösung?

Montag, 20. April 2009 - Kategorie: Informieren

Während in Kalifornien Wissenschaftler vor Twitter und den Newsjunkies warnen, eröffnet in Kanada ein junger Mann die passende Entzugsanstalt: Nachrichtenportale, die eine Brücke zwischen dem Web3.0 und der redaktionellen Arbeit schlagen könnten.

Viel Humor haben in der letzte Woche ein paar sonnenverwöhnte Wissenschaftler der Universität Kalifornien bewiesen: Twitter schade der Moral seiner Nutzer, titelte eine Pressemitteilung, und gleich darunter die Erklärung, dass die "Überkommunikation" das Gehirn überfordere und gleichgültig mache. Und da Deutschland seinen moralischen Verfall schon häufiger zum globalen Problem erhoben hat, wurde die Meldung vorsichtshalber auch in die Sprache Goethes übersetzt.

(Update: der Link oben verweist auf die Original PM von pressetext, die PM ist in die Kritik geraten, diente hier aber ohnehin nur als Aufhänger...)

Nun kennen viele von uns einen ganz ähnlichen Vorwurf aus Ihrer Jugend, und nicht umsonst spricht man in der Webszene von "Newsjunkies". Schon damals reagierten die meisten mit Spot und konsumierten fröhlich weiter, selbst als sich bereits leise Zweifel regten. Eine verwandte Gemütslage stellte sich bei mir zum Ende der vergangenen Woche ein, als durch meine Feed-Adern in Folge einiger Twitter-Suchstrings zwischen 500 und 1000 News pro Tag rauschten. Die ständige Entzugsangst wechselte mit kaum noch verständlichem Tweet-Gelalle und endete schließlich in Phasen völliger Verzweiflung und - ja - Gleichgültigkeit, als im obersten Feed bereits 20 neue News warteten, während ich unten gerade die letzten wegklickte.


Bild by Blachon

Warum ist eigentlich ausgerechnet unsere Generation der Newsdroge Twitter so bedingungslos verfallen, während die im Netz aufgewachsene Jugend davon relativ unberührt bleibt? Ist Twitter etwa die Banane für die Umstürzler der Mediendiktatur? Etwas für Hinterwäldler, die die Nachrichtenfreiheit noch als etwas Exotisches empfinden?

Auf jeden Fall wurde mir klar, dass ich etwas ändern musste, und der gute Wille ist ja auch vorhanden: Denn eigentlich möchten wir doch Antworten und keine "Suchergebnisse", relevante Information statt Geschnatter, wollen zurück in eine Zukunft, in der man wieder alles serviert bekommt. Dem steht jedoch nicht nur Twitter im Weg, sondern das gesamte Netz, in dem sich Nachrichten, Analysen, Kommunikation und Duplikate unaufhaltsam vermischen...

Sanfter Entzug

Ich fange also mit meinen guten Vorsätzen bei Twitter an. Einige behaupten ja, dass Twitter nicht das Problem, sondern die Lösung sei: Dort findet man alles und viel schneller. Zuletzt hat sich sogar eine Aggregationsseite für twitternde Journalisten als neuer Prophet verkauft: "Heute wissen, worüber die Medien morgen schreiben". Doch bei meinem Versuch, Twitter als Monitoring-Tool einzusetzen, habe ich mir eine ordentliche Grippe eingefangen:

Zum Beispiel mit folgendem Suchstring:

"Bacteria OR Microbes filter:links [nur tweets mit links, also Geschnatter weg] -RT [=Retweets ausblenden] -job"
Der lieferte mir zwar eine der berühmten "Breaking News", jedoch schleusten sich in den folgenden Stunden die kleinen Bacteria-Biester über dutzende Medienmeldungen und hunderte Tweets in ständig neuen Variationen durch den Filter und um jedes geblockte Keyword herum in meinen Reader. Viral und multiresistent brachten sie mein Monitoring zum Kollaps.

Wie also Twitter effektiv nutzen? Seiten wie "Twitterfall" bewerben sich zwar als journalistische Monitoring-Tools, eine Blockierung von Duplikaten ist jedoch auch hier nicht möglich. Immerhin: Suchtools wie twazzup listen einem recht schön die Toplinks auf. Doch warum hat noch niemand ein Tool entwickelt, das mir jeden Link nur einmal liefert und sich am besten noch lernfähig an meine Interessen anpasst? Übrigens bieten auch hippe Clients wie seesmic, Tweetdeck oder DestroyTwiter soweit ich sehe keine Lösung. Bleiben also vorerst nur die Search Operators von Twitter und ein periodischer Overload....

Apropos Virus...

... ich hatte mich riesig gefreut, als ein geschätzter Heavy-Twitterer mit fast 1.500 followern einen Blogpost von mir zwitscherte, wollte schon bei meinem Traffic-Dealer eine zusätzliche Line buchen, verzeichnete dann jedoch nur 5 neue Hits. Ein Link von einem Blog mit vergleichbar vielen Abonnenten bringt über die Tage das 30-40-fache. Das Fazit: Masse produziert in Twitter eine Inflation in der Aufmerksamkeitsökonomie, und damit steht Twitter dem Social Network Myspace viel näher als den Blogs.

Ironischerweise sind es ganz überwiegend die Massenmedien, die virale Effekte in Twitter produzieren. Organisieren wir die Konterrevolution da etwa selbst?? Immerhin bin ich über Twitter auf die treffendsten Argumente gestoßen, warum sich dieser komische Vogel eben nur sehr eingeschränkt für die Marketing- und PR-Arbeit eignet. Als Ergebnis füttert nun auch noch das Themenriff meinen Feed.

Webverschwörung: Ein redaktionelles Web3.0?

Nachdem ich nun die Twittersuche halbwegs optimiert und die Gadget-Welt verflucht hatte, blieb nur noch der Rest des Drogen-Netzes übrig: Ganz trockenlegen, diese Drecksarbeit überlasse ich lieber der Regierung, denn es muss auch eine elegantere Lösung geben. Und hier bahnt sich nun offensichtlich eine leise Verschwörung zweier feindlicher Lager an:

Schon vor Jahren hat uns das Web3.0 ein intelligentes Netz und mehr Qualität versprochen, doch mangels spektakulärer Ergebnisse ist es heute recht still geworden. Vergangene Woche bin ich jedoch auf die semantische Jobsuchmaschine icjobs.de gestoßen. Die durchforstet das Web unablässig nach Stellenangeboten und fördert wirklich Erstaunliches zu Tage. Bahnt sich da etwa doch die semantische Revolution an, die sämtliche Redakteure arbeitslos und mich glücklich macht?

Kurz danach ist dann mein persönliches Licht aufgegangen: eqentia.com, ein junges Startup aus Toronto, bietet ein "vertical news environment" an, mit dem sich Professionals personalisierte Infoportale zu bestimmten Topics einrichten lassen können, und zwar mit Hilfe semantischer Techniken. Erst gerade ist ein neues Portal zum Thema World Economic Forum ins Netz gegangen, und das schaut in der Tat ziemlich gut aus:



Eqentia setzt jedoch nicht nur auf semantische Methoden, sondern will offensichtlich eine Art Redakteur mit einbinden:

"Eqentia is looking for partnerships with the following organizations or individuals:
- Topical experts that would like to become “Curators” for a particular Portal
- Organizations with a business idea or need pertaining to the creation of a special purpose or private Knowledge portal using Semantic relationships"

Also ein redaktionell betreutes Web3.0? Begriffe wie "Kurator", "Vertical", "Knowledge-Portal" und "News Envirenment" lassen mein Herz auf jeden Fall höher schlagen: Das ganze kommt meiner eigenen Gründeridee (sollte mal "vertical align" heißen) leider nicht nur sehr nahe, sondern ist um Längen besser. Schade, dass das Startup so weit weg ist, so muss ich vorläufig wohl weiter im Nachrichtensumpf verharren...

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