Fallen

Montag, 18. Mai 2009 - Kategorie: Schreiben

Hundertneunzig Meter vom Auge bis zum tiefblauen Spiegel, dann weiter bis zum hellgelben Punkt am Himmel über dem Hafen, und irgendwo dort hoch über dem Ostseestädtchen zwitscherte gerade ein Vögelchen, als die Rechte krachend einschlug. Jetzt noch zwanzig Meter bis zum Ende der kleinen Halle, und auf dem Rückweg grüßte der Schall bereits die ersten Lichwellen, die das zartrosa Feilchen gerade verließen. Ob es Clemens Meyers Gossenslang oder Hemmingways Männlichkeitsposen waren, die mich in diesen acht mal acht Meter großen Kokon getrieben hatten, weiß ich nicht mehr. Aber ich wusste jetzt, dass es zwischen literarischem Genuss und realem Kickboxen einen spürbaren Unterschied gab. Am Ende schaffte es selbst der kräftige Mann in schwarz-weißer Wako-Tracht nicht mehr, meinen erschöpften Arm noch ein letztes Mal in die Höhe zu reißen.



Auch ohne K.O. lässt eine 3:0 Punktniederlage wenig Spielraum für Interpretationen und selbst hierzulande ist ein klares Eingeständnis die erfolgreichste Strategie bei so einem Malheur. Freilich sollte man das Handtuch auch nicht zu früh werfen. Am Tag genau vor einem Jahr um Punkt 14:09 Uhr überradelte ich unter dem gleichen hellgelben Punkt und einem anderen Himmel die Grenze von Billbrook nach Billwerder und verließ damit die letzten Reste einer industriellen Urbanität, falls die Ansammlung von Billigpuffs, Tankstellen und Imbissbuden inmitten von Gewerbebauten und Bille-Brücken diese Bezeichnung verdient. Kurz danach glotzte mich von rechts eine typisch norddeutsche Natur an, ein verschlafener Bach in einer zerrupften Wiese, ein paar verfilzte Sträucher und Bäume, eine Szenerie, die sogar die Hamburger Stadtverwaltung erweichen und fürsorglich Hinschilder platzieren ließ, um die Passanten um Ruhe und Rücksicht zu bitten. Damals ignorierte ich den deutenden Blick und wartete noch hoffnungsvoll auf eine Antwort von Stefan Glänzer, dem ich früh morgens eine zündende Idee für das nächste Große Web-Start-Up übermittelt hatte. Ein Jahr später wartete ich immer noch, als mir schließlich Axel Schmieglow nach dem dritten Anlauf zu verstehen gab, dass mich ein netter Denkansatz wohl kaum vor den Niederungen einer eigenen Gründung bewahren würde, zumindest bis zu einem „skallierbaren“ Prototyp.

Fortsetzung folgt ...

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