Web Squared - schon wieder ein neues Web?

Sonntag, 23. August 2009 - Kategorie: Informieren

Bild: Herman Churba, siehe vi.sualize.us
Wohl viele hatten in letzter Zeit die schwammige Empfindung, dass das Netz an der Schwelle zu etwas Neuem steht. Mein persönliches Aha-Erlebnis war die Augmented Reality, bei der Daten aus der realen Welt um Informationen aus dem Netz ergänzt werden, z.B. ein per Handy fotografiertes Gebäude erkannt und mit Wiki-Informationen hinterlegt wird.

Nun hat John Battelle zusammen mit Tim O'Reilly, der ja schon mit "Web2.0" ein gutes Timing für die Besetzung neuer Begrifflichkeiten bewiesen hat, diesem schwammigen Gefühl einen Namen gegeben: "web squared", also vom "web2.0" zum "web hoch zwei", was vor allem auf das exponentielle Wachstum des Webs durch die enorme (real-time-)Datenfütterung anspielt. Ob O'Reilly mit diesem Begriff wieder so einen durchschlagenden Erfolg feiert, bleibt abzuwarten, das Timing ist auf jeden Fall nicht ungeschickt. Aber was soll das Web Squared nun genau sein?

"Web meets World - that's Web Squared" sagt O'Reilly am Ende seines Diskussionpapiers und meint damit die Verzahnung, gegenseitige Beeinflussung und Durchdringung von Web und realer Welt. Eine große Vision? Weiß ich nicht, aber das Papier ist so oder so eine lohnenswerte Lektüre, da es den "State of the Art" oder "State of the Edge" sehr gut zusammenfasst.

Und zum State of the 'Art gehört laut Reilly vor allem die zunehmende Sensorik, die das Netz mit Daten aus der realen Welt füttert (von Photo-Geotagging über Stimmerkennung per Handy etc.). Als Beispiel nennt Railly das iPhone, dem man etwas über Pizza erzählt und das per Stimmerkennung, Geopositionierung und Suchalgorhythmen die drei Pizzerien der Umgebung ausspuckt. Der Vergleich des Webs mit einem Baby, dass über die Sensorik die Auge-Hand-Koordination erlernt und beginnt, die Umwelt zu verstehen, passt gut.

Der Gebrauch all dieser Daten, so Reilly weiter, setzt eine Öffnung und Standardisierung voraus, ein Punkt, der sich allerdings erst noch beweisen muss. Denn erst dann, wenn verschiedene Datensets verbunden werden oder in einem scheinbar unstrukturierten Datenset durch neue Informationen oder Analysen eine Struktur aufgedeckt wird, kann das Web lernen. Beispiele sind Credit-Card-Überweisungen, die plötzlich als "Stimmabgabe" ausgewertet werden, oder Web-Karten, die um informationen aus abfotographierten und GPS verorteten Karten automatisch ergänzt werden.

Und schließlich das "Web meets World". O'Reilly meint damit den "Informationsschatten", den inzwischen immer mehr reale Dinge (z.B. durch die zunehmende Sensorik) im Internet hinterlassen. Die Möglichkeiten für das Web, mit diesen Daten zu arbeiten, reichen von Bilderkennung wie Gesichtsvergleiche über Fotoerkennung a la Layar oder Wikitude, bis hin zur Photosynthese, also die Konstruktion einer 3D-Welt durch reale Fotos, wie es Microsoft mit Photosynth gemacht hat. Railly schließt damit, dass die Idee vom "Internet der Dinge", bei dem jeder Gegenstand über eine eigene Mini-ID identifiziert werden sollte, nun auch ohne ID funktioniert, einfach indem das Web die vorhandenen Datenmassen/Datenschatten zusammenführt und analysiert. Datenmapping, d.h. neue Datenanalysen oder die Strukturierung von scheinbar unstrukturierten Daten wird laut Railly eine Schlüsselkompetenz im Web werden. Natürlich dürfen in diesem Zusammenhang Twitter & Co. nicht fehlen, die Daten in Real-Time überliefern und so auch zeitlich die Welt zunehmend genauer im Web abbilden.

Um noch einmal Reilly's Bild zu verwenden: Das Web ist ein Baby, und wir sind die Eltern, die es exponentiell mit Daten füttern und ihm erklären, was diese Daten bedeuten, damit es langsam selbständig begreift.

Diese Kollision des Webs mit der realen Welt soll nun die Zukunft sein, mit enormen Potential nicht nur für das Business, sondern auch für die Lösung realer Problem der Welt. Als Beispiel dient u.a. das Unternehmen 23anMe, das eine private Genanalyse anbietet und den Nutzern freistellt, die Daten anonym für die Forschung freizugeben und damit einen Beitrag zur Verbesserung des Gesundheitssystems zu liefern (oder vielleicht doch nur die Forschungskosten der Pharma-Firmen senkt und damit deren Gewinnspannen erhöht?) usw. usw.

Meine Enschätzung zu den Erfolgschancen des Begriffs: Laut Paradigmenwechsel-Theorie ist eine gewisse Schwammigkeit für die Integrationskraft schon mal ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor. Auch der Zeitpunkt scheint gut gewählt. Es wird jedoch nicht nur darauf ankommen, ob die Web-Szene den Begriff nun diskutiert, sondern vor allem darauf, ob
  1. neue Anwendungen das "web-squared" bei der breiten Bevölkerung "greifbar" machen und
  2. darin eine Gemeinsamkeit gesehen wird, und nicht nur singuläre und unverbundene technische Fortschritte.
Möglich, dass ich das Papier auch missverstehe, Anmerkungen sind daher wie immer willkommen.

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Trackbacks zu diesem Beitrag

quartier-nord - 24. Aug, 08:55

web squared - ein neues Internet?

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