
- Schatten.
„Herrschaften! So geht das aber nicht! Es kann doch nicht sein, dass ihr es immer noch nicht begriffen habt, wo wir doch seit Wochen nichts anderes üben, wieder und immer wieder!“. Wie der Speichel von Pawlows bestem Freund durchtränkte dieser Satz unsere Synapsen immer dann, wenn wir auf den Fluren unseres Kleinstadt-Gymnasiums den Mathematik-Lehrer herbeieilen sahen – mit energischem Schritt, einem rot-weißen Signalmuster, das symptomatisch durch Bluthochdruck und einem Mangel an Melanin, ursächlich jedoch durch ein Übermaß an mathematischen Formeln und pädagogischen Sorgen hervorgerufen wurde, während der zitternde rechte Arm wie ein Seismograph die aufgebrachte Stimmung in den vormals geradlinigen Stapel der schwarzöligen Klassenhefte Marke Pelikan zeichnete, die ihren Schrecken übrigens bis heute nicht verloren haben und seit den Abiturfeierlichkeiten in den tiefen Mulden eines schweren Eichenschreibtisches fast 500 Kilometer von meinem derzeitigen Standort ruhen, des Nachts bisweilen jedoch ihrer Gruft entsteigen, um im trübe flackernden Licht der Erinnerung einen kralligen Schatten an die Mauer der Verdrängung zu werfen, der tagsdrauf in Form eines leicht pelzigen Geschmacks beim schwarzen Morgenkaffee nachzuklingen pflegt. Nur ein einziges Mal, und da mag mich die Erinnerung an längst vergangene Zeiten sogar täuschen, nur ein einziges Mal hat der Lehrer dieses Mantra durchbrochen, selbst überrascht von einem statistisch signifikaten Ausschlag, der den ansonsten „hauptschulreifen“ Klassendurchschnitt positiv verfälschte.
Teil 2 folgt.